Am 17. April 1975 wird Phnom Penh von den Roten Khmer eingenommen, die "Demokratische Republik Kampuchea" ausgerufen und der im Exil lebende Norodom Sihanouk als Staatsoberhaupt eingesetzt. Dieser trifft jedoch erst am 9. September 1975 in Kambodscha ein.
Die meisten Einwohner der Stadt freuen sich über das Ende der Kämpfe und sie begrüßen die einmarschierenden Truppen jubelnd. Ein großer Teil der Kämpfer besteht aus Kindersoldaten, die bei der Machtübernahme der Roten Khmer nichts anderes als die Schrecken des Krieges kennen. Schon zu Beginn der 70er Jahre haben zwölfjährige Knaben mit M 16-Schnellfeuergewehren gekämpft, die von Saigon an die Truppen Lon Nols geliefert worden sind.
Die Stimmungslage kippt jedoch schnell, als Pol Pot und die Roten Khmer mit der Errichtung eines Terrorregimes beginnen. Am 4. April 1976 wird Norodom Sihanouk wegen seiner Kritik am Kurs der Roten Khmer als Staatsoberhaupt abgesetzt und unter Hausarrest gestellt, Khieu Samphan zum neuen Staatsoberhaupt und Pol Pot als Regierungschef ernannt.
Pol
Pot
Den kommunistischen Utopien hängt Pol Pot schon als junger Mann an und tritt mit 18 in die KP Kambodschas ein und wenig später als Student in Paris in die KP Frankreichs. Seinen Vorstellungen zufolge ist neben der Korruption des Lon-Nol-Regimes gerade in der Dichotomie von Stadt und Land eine der Hauptursachen für die Armut Kambodschas zu sehen. Also glaubt er, das Bauerntum stärken und alles Städtische zerstören zu müssen und macht sich mit seinen bewaffneten Gefolgsleuten sogleich daran, diese kommunistische Utopie in seinem Land umzusetzen. Den verständlichen Widerstand der Bevölkerung bricht er mit brutaler Gewalt und steht damit in Kontinuität mit seinen ideologischen Vätern Lenin, Stalin oder Mao.
Die sofortige Deportation der Stadtbevölkerung auf die Reisfelder des Landes verwandelt das zuvor über 2 Millionen Einwohner zählende Phnom Penh binnen weniger Tage in eine Geisterstadt, ebenso werden die Provinzhauptstädte entvölkert. Auf diesem ?langen Marsch?, der bis zu einem Monat dauert, sterben tausende Menschen (insbesondere Ältere und Kinder) aufgrund der Strapazen.
Bald ist jeder Überlebende zum Arbeiter gewandelt und gezwungen, eine schwarze Einheitskleidung zu tragen, die jede Individualität beseitigen soll. Die Sprecher der Roten Khmer verkünden allerdings den Beginn eines neuen revolutionären Zeitalters, in dem jede Form der Unterdrückung und der Tyrannei abgeschafft sei.
In den ersten Monaten dieser revolutionären Ära verwandelt sich das Land in ein gigantisches Arbeits- und Gefangenenlager. Arbeitszeiten von 12 Stunden oder mehr sind keine Seltenheit, und jeder Schritt der Arbeiter wird so überwacht, dass fast jeder um sein Leben fürchten muss. So kann auch, wer zu spät zur Arbeit kommt, wegen des Verdachts auf Sabotage hingerichtet werden.
Geld wird abgeschafft, Bücher werden verbrannt, Lehrer, Händler, beinahe die gesamte intellektuelle Elite des Landes wird ermordet, um den Agrarkommunismus, wie er Pol Pot vorschwebt, zu realisieren. Die beabsichtigte Verlagerung der Wirtschaftstätigkeit aufs Land bedingt deren vollständiges Erliegen, da auch Industrie- und Dienstleistungsbetriebe - Banken, Krankenhäuser, Schulen - geschlossen werden.
1976 stellt Pol Pot einen 4-Jahres Plan auf, der alle Klassenunterschiede beseitigen und das Land in eine blühende kommunistische Zukunft führen soll. Die landwirtschaftliche Produktivität Kambodschas soll verdreifacht werden, um durch Nahrungsexporte die benötigten Devisen zu erhalten. Doch dieses Ziel ist kaum zu erreichen, da die wirtschaftliche Infrastruktur größtenteils zerstört ist und die Landarbeiter zu einem großen Teil ohne Arbeitsgeräte dastehen.
Die Versorgung mit Nahrung bricht auch durch Fehlplanung und Misswirtschaft zusammen. Da lokale Führungskräfte Repressalien befürchten, fälschen sie die Ernteberichte. Der Ertrag wird dennoch abgeführt. Nahrungsmangel und Zwangsarbeit sowie fehlende medizinische Versorgung führen zum Tod Hunderttausender. Viele der verantwortlichen Führungskräfte werden wegen Sabotage des 4-Jahres-Plans inhaftiert und kommen hier ums Leben.
Gleichzeitig werden Massensäuberungen durchgeführt. Wer im Verdacht steht, mit Ausländern zu kollaborieren, wird getötet. Nicht nur Pol Pot und die Roten Khmer machen Vietnamesen und andere Ausländer für die Misere Kambodschas verantwortlich. Die Vietnamesen sind nicht nur unbeliebt, weil sie den Krieg mit nach Kambodscha getragen haben, sondern auch weil sie - von den Franzosen zur Zeit des kolonialen Französisch-Indochina für Verwaltungsaufgaben ins Land geholt - für viele ein Symbol für die Fremdbestimmung des Landes darstellen.
Wer auch nur im Verdacht steht, eine Schulausbildung zu haben, oder aufgrund des Tragens einer Brille intellektuell aussieht, kann sofort getötet werden. Die Bourgeoisie wird abgeschafft, und um ein Bourgeois zu sein, reicht es oft, lesen oder eine Fremdsprache (vor allem Französisch) sprechen zu können. Wie unter Stalins Herrschaft werden auch unter der Diktatur der Roten Khmer massenhaft Oppositionelle wie Monarchisten und Anhänger des Lon-Nol-Regimes getötet, aber auch jene Kommunisten, welche kurz vor der Machtübernahme aus Vietnam nach Kambodscha zurückgekehrt sind.
Während der vierjährigen Schreckensherrschaft werden schätzungsweise 1,7 bis 2 Millionen Menschen in Todeslagern umgebracht oder kommen bei der Zwangsarbeit auf den Reisfeldern ums Leben (bei einer Gesamtbevölkerung von etwas mehr als 7 Millionen). Im berüchtigten Sicherheitsgefängnis 21 in Phnom Penh, das unter der Leitung des unter seinem Pseudonym bekannten Dëuch steht, überleben 7 von insgesamt 15.000-30.000 Gefangenen. Wer dort nicht an der Folter stirbt, wird auf den Killing Fields vor den Toren der Stadt umgebracht.
Dëuch
alias Kang Kek
Leu
Berichte über die Gräueltaten der Roten Khmer sorgen in den ersten Jahren ihrer Herrschaft noch für Diskussionen. Die Berichte des Pater François Ponchaud, der als erster in seinem 1977 erschienen Buch Cambodge - année zéro über die Massenmorde in Kambodscha schreibt, werden von westlichen Linken wie dem Medienkritiker Noam Chomsky als nicht objektiv dargestellt. Die Aufmerksamkeit, die den Berichten aus Kambodscha in der Presse zukomme, sei im Vergleich zu den Gräueltaten der US-Amerikaner in Kambodscha und in anderen Ländern übertrieben. Allerdings verwahrt sich Chomsky gegen die Vorwürfe, seine damalige Kritik käme einer Relativierung der Schreckensherrschaft der Roten Khmer gleich. Vielmehr sei seine Kritik als Widerlegung der Darstellung Kambodschas als ein sanftmütiges Land, das 1975 durch die Roten Khmer plötzlich in den Abgrund gestoßen wurde, zu sehen. Der belgische Menschenrechtsexperte François Rigaux meint, unter Ausblendung der Millionen Opfer, das Pol-Pot-Regime habe für die Menschenrechte in Kambodscha mehr unternommen als die westliche Welt.